Ein kleines Licht, das niemand auspusten kann
Virtueller Friedhof, Kerze anzünden: was eine Kerze online bedeutet, warum Menschen das tun, kleine Texte dazu und weitere Formen des Erinnerns.


Es ist kurz nach elf am Abend. Der Fernseher ist aus, die Wohnung hat jenes leise Summen, das nur Kühlschränke nachts beherrschen. Du sitzt auf dem Sofa, das Handy in der Hand, und hast gerade auf einen kleinen Knopf getippt, auf dem „Kerze anzünden“ steht. Auf dem Bildschirm flackert jetzt ein Licht neben dem Foto deiner Großmutter.
Ein bisschen lächerlich kommt es dir vor. Eine Kerze, die nicht nach Wachs riecht, die man nicht an einem Streichholz entzündet und die keinen Ruß an der Decke hinterlässt. Und trotzdem sitzt du noch eine Weile da und schaust sie an.
Der Friedhof, auf dem deine Großmutter liegt, ist sechshundert Kilometer entfernt. Die Kerze auf dem Bildschirm ist gerade zwanzig Zentimeter weg.
Was bedeutet es, eine Kerze online anzuzünden?
Eine virtuelle Kerze ist ein kleines Zeichen auf einer Gedenkseite im Internet. Wer sie anzündet, hinterlässt meist seinen Namen und manchmal ein paar Worte. Für alle anderen, die die Seite besuchen, ist sie sichtbar: Jemand war hier. Jemand hat an diesen Menschen gedacht.
Im Grunde tut sie dasselbe wie das Grablicht auf dem Friedhof. Auch dort brennt die Kerze nicht für den Verstorbenen, der davon nichts mehr merkt, sondern für die, die vorbeikommen und sehen, dass jemand vor ihnen da war. Ein Licht ist eine Nachricht ohne Worte. Online bekommt sie lediglich eine Adresse.
Manche nennen solche Seiten einen „virtuellen Friedhof“. Das Wort klingt nach Science-Fiction, meint aber etwas ziemlich Altmodisches: einen Ort, an den man gehen kann, um sich zu erinnern, und an dem man Spuren hinterlässt.
Warum Menschen auf einem virtuellen Friedhof eine Kerze anzünden
Die Gründe sind meistens ganz praktisch, und genau darin liegt ihre Zärtlichkeit:
- Die Entfernung. Familien wohnen heute verstreut, in anderen Städten, anderen Ländern. Der Weg zum Grab ist oft weit.
- Die Uhrzeit. Friedhöfe schließen am Abend. Das Vermissen hält sich nicht an Öffnungszeiten, es kommt gern um halb zwölf in der Nacht.
- Kein Grab. Nach einer Seebestattung, einer Baumbestattung oder einem anonymen Grab gibt es keinen Stein, vor dem man stehen könnte.
- Besondere Tage. An Geburtstagen, Jahrestagen, an Allerseelen oder am Totensonntag, der in diesem Jahr auf den 22. November fällt, möchten viele ein Zeichen setzen, auch wenn sie nicht hinfahren können.
- Die Gemeinschaft. Wer eine Kerze anzündet, sieht auch die Kerzen der anderen. Plötzlich weiß man, dass die alte Nachbarin auch an sie gedacht hat.
Die Forschenden Brian de Vries und Judy Rutherford haben 2004 in der Fachzeitschrift Omega 244 Einträge auf einem der frühen virtuellen Friedhöfe ausgewertet. Auffällig war: Die meisten Texte waren nicht über die Verstorbenen geschrieben, sondern an sie, wie Briefe. Die Menschen erzählten ihnen, was passiert war, und sagten, was ihnen fehlte. Das Internet war für sie also kein Ort der Information, sondern ein Ort, an dem man weiterredet.
Ein Leser, Jonas, erzählte, er zünde jeden Sonntagabend eine Kerze für seinen Vater an, „bevor die Woche wieder losgeht. Es dauert zehn Sekunden. Aber es sind meine zehn Sekunden mit ihm.“
Kleine Texte zur virtuellen Kerze
Viele zögern vor dem leeren Feld neben der Kerze. Es braucht nicht viel. Ein paar Beispiele:
1. „Für dich, Oma. Ich denke an dich.“ 2. „Ein Licht aus Hamburg. Du fehlst uns.“ 3. „Heute wärst du 70 geworden. Alles Liebe, Papa.“ 4. „Danke für die Sommer am See. Ruhe in Frieden.“ 5. „Wir haben uns lange nicht gesehen, aber ich habe dich nie vergessen.“ 6. „Zum Totensonntag eine Kerze für dich, Mama.“ 7. „Weil heute so ein Tag ist, an dem ich dich anrufen würde.“ 8. „Von deiner Kollegin aus der Buchhaltung: Der Kaffee schmeckt ohne dich nicht.“
Der letzte Satz klingt vielleicht unpassend. Aber gerade solche Sätze lesen Angehörige oft immer wieder, weil sie einen Menschen zeigen, den sie selbst nur zur Hälfte kannten.
Weitere Formen des Erinnerns online
Die Kerze ist meistens der Anfang. Auf einer Gedenkseite gibt es oft noch andere Möglichkeiten, die zusammen ein ziemlich vollständiges Bild ergeben:
- Blumen hinterlassen. Ein virtueller Strauß, wie auf dem Grab, nur ohne Gießkanne.
- Ein Gebet. Für gläubige Familien ist es tröstlich, wenn andere ein Gebet sprechen oder dalassen.
- Erinnerungen aufschreiben. Eine Geschichte, ein Satz, ein Erlebnis, das sonst niemand kennt.
- Fotos und Videos. Das Bild vom Betriebsausflug, das Video von der Hochzeit, auf dem sie zu laut lacht.
- Die Stimme. Eine alte Sprachnachricht, eine Aufnahme vom Anrufbeantworter. Wer einmal gemerkt hat, wie schnell eine Stimme im Kopf leiser wird, weiß, wie viel das wert ist. Darüber haben wir auch in einem Text über das Vergessen einer Stimme geschrieben.
Bei Stella Memoria bekommt ein Mensch eine Gedenkseite, die dauerhaft bestehen bleibt. Besucher können dort Kerzen anzünden, Blumen hinterlassen und Gebete hinterlassen, und Familie und Freunde können von überall ihre Erinnerungen, Fotos, Videos und Sprachaufnahmen hinzufügen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die Gedenkseite für Ann Miller.
Später am Abend legst du das Handy weg. Die Kerze ist noch da, auch wenn der Bildschirm schwarz ist. Das ist vielleicht der eigentliche Unterschied zum Teelicht auf dem Friedhof: Morgen früh, wenn deine Tante in Stuttgart die Seite öffnet, wird sie sehen, dass du da warst.
Häufige Fragen
Was ist ein virtueller Friedhof?
Ein virtueller Friedhof ist eine Sammlung von Gedenkseiten im Internet, auf denen an verstorbene Menschen oder Tiere erinnert wird. Besucher können dort Kerzen anzünden, Texte schreiben oder Fotos ansehen. Er ersetzt kein echtes Grab, bietet aber einen Ort, der von überall erreichbar ist.
Kann man für jemanden eine Kerze anzünden, den man kaum kannte?
Ja, und für Angehörige ist das oft besonders berührend. Eine Kerze von der ehemaligen Kollegin oder dem Nachbarn zeigt ihnen, wie viele Menschen sich an den Verstorbenen erinnern. Ein kurzer Satz dazu, woher man ihn kannte, hilft der Familie beim Einordnen.
Ersetzt eine Online-Kerze den Besuch auf dem Friedhof?
Für die meisten ist sie eher eine Ergänzung. Viele zünden online eine Kerze an, wenn der Weg zu weit ist oder der Tag es nicht zulässt, und gehen trotzdem zum Grab, wann immer es möglich ist. Beides kann gut nebeneinander bestehen.
Was schreibt man zu einer virtuellen Kerze?
Meist genügt ein Satz: ein Gruß, ein Dank oder eine kleine Erinnerung, etwa „Danke für die Sommer am See“. Viele schreiben direkt an den verstorbenen Menschen, so als würden sie ihm eine Karte schicken. Auch nur der eigene Name ist eine schöne Botschaft.
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